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Qualität macht Schlagzeilen

Vinothek in Rüdesheim: Wie ein Las Vegas für Wein-Fans

Schwester Thekla ist entspannt. Die Benediktinerin steht vor einem großen Regal und betrachtet in aller Ruhe die dort gelagerten Weinflaschen. Das ist gar nicht so einfach, denn um sie herum ist viel los. Menschen strömen durch das Gewölbe; viele kennen und begrüßen sich. Es riecht nach Käse und Wein, die geschäftige Atmosphäre ist mit froher Erwartungshaltung angereichert. Schwester Thekla studiert weiter den Wein und sagt dann gemessenen Tones: „Das ist eine tolle Idee. Den Mut zu haben, so etwas aufzuziehen, das ist klasse. Deswegen beteiligen wir uns auch daran.“

Die Ordensschwester weiß, wovon sie spricht, denn sie ist die Leiterin des Weinguts der Rüdesheimer Abtei St.Hildegard. Um Wein geht es auch im historischen Asbach-Gebäude direkt neben dem Rüdesheimer Bahnhof. Dort eröffnete Annette Perabo gestern ihre „Rhein-WeinWelt“. Auf etwa 1500 Quadratmetern entsteht die wohl einzige Vinothek, in der 76 Winzer aus drei deutschen Anbaugebieten ihre Tropfen kredenzen. Das verbindende Element ist der Rhein: Über 165 Rhein-Kilometer verteilt liegen die Weingüter, die mit von der Partie sind.

„Sauerstoff ist der natürliche Feind des Weins“

In dem denkmalgeschützten Gebäude befinden sich acht begehbare Beton-Lagertanks der ehemaligen Asbach-Produktion, von denen jeder rund 64000 Liter fasst. In den Tanks, in denen früher der Asbach-Rohbrand gelagert wurde, sind nun die Weine der Winzer platziert. Eine große an der Wand hängende Tafel klärt über das jeweilige Weingut auf. Die Idee ist so einfach wie clever: Touristen, Weinliebhaber und Hotelgäste können sich durch etwa 160Weine probieren. Damit das funktioniert, haben sich Perabo und ihr Lebensgefährte Konrad Berg noch etwas anderes einfallen lassen: Der Wein wird nicht per Hand ausgeschenkt. Die Gäste erwerben im Eingang Münzen, die sie in jedem der begehbaren Tanks in eine speziell für die Rhein-Wein-Welt angefertigte Probieranlage einwerfen. Dann halten sie ihr Glas unter einen Hahn, und 0,04 Liter Wein ihrer Wahl fließen zum Probieren hinein. Wer den passenden Wein gefunden hat, kann die entsprechende Flasche kaufen.

„Das war wichtig“, erklärte Berg den Einsatz und die Konstruktion der Wein-Probiermaschine, denn normalerweise halte sich eine geöffnete Flasche Wein nur wenige Tage. „Sauerstoff ist der natürliche Feind des Weins, weswegen wir diese Stickstoff-Zapfanlage einsetzen“, sagt er und fügt an: „Stickstoff betoniert den Wein. Jetzt hält eine Flasche drei Wochen, und wir müssen weniger Wein wegschütten.“ Dann lacht er, zeigt auf die Münzen und ergänzt: „Das ist mit den Automaten und den Münzen doch wie ein Las Vegas für Wein-Fans.“

Etwa 100 Winzer sind zur Eröffnung nach Rüdesheim gekommen. „Ihr habt mir alle euer Vertrauen ausgesprochen“, sagt Perabo zu ihren Partnern und ergänzt: „Ich hoffe, dass ich euch nicht enttäusche.“ Die 48 Jahre alte Chefin hat selbst eine sechsstellige Summe in die Vinothek investiert, die sich aus Eigenkapital, einem Kredit und Fördermitteln des Weinbauamtes Hessen zusammensetzt.

„Ich verstehe mich als verlängerte Probierstube der Winzer“, sagt Perabo. Von den angefragten Weingütern hätten nur zwei abgesagt. „Wir haben große Namen und unbekannte kleine Weingüter, aber die sind alle top“, ist sie sicher. Die Begeisterung beruht offenbar auf Gegenseitigkeit. „Das ist eine Superidee“, schwärmten Denise und Pascal Sohns vom Geisenheimer Weingut Sohns. Die Begründung dafür ist plausibel. „Insbesondere bei kleineren Gruppen fällt es uns schwer, eine Weinprobe zu moderaten Preisen durchzuführen. Die schicken wir sehr gerne hierher.“

Perabo macht denn auch klar: „Ich sehe mich nicht als Konkurrenz, sondern als verlängerter Arm der Winzer.“ Damit sich keiner der Winzer bei der Präsentation seiner Weine benachteiligt fühlt, wurden die Plätze in den Lagertanks noch während der Eröffnung verlost – und stehen dort in den nächsten Tagen für die ersten Weinproben bereit. Für Schwester Thekla ist das eine tolle Sache, denn wenn in Zukunft Weinliebhaber in die alte Asbach-Brennerei nach Rüdesheim pilgern, dann können sie dort den „2016er Pilgertrunk Riesling“ der Abtei St. Hildegard probieren.

Quellenangabe: Robert Maus, F.A.Z., 03.09.2014

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